Photoautomat
Der Fotoautomat als platonische Höhle
Während im Zeitalter der Smartphones die Telefonzellen aus dem Stadtbild verschwanden, erlebten ausgerechnet die alten Fotoautomaten in Berlin eine kleine Renaissance. Besonders auf dem RAW-Gelände, wo zeitweise gleich vier solcher Automaten standen, wurden sie zu einem festen Bestandteil der städtischen Kulisse. Was früher als technische Neuerung galt, erscheint heute beinahe als philosophisches Objekt. Die kleinen Kabinen leuchten nachts, stehen wie eigenartige Konstruktionen im öffentlichen Raum und laden zur fotografischen Selbstreflexion ein. Mich erinnerten sie an Platons Höhlengleichnis. Der Mensch zieht sich freiwillig in eine dunkle Kammer zurück, wird für einen Augenblick vom Blitzlicht erhellt und begegnet anschließend seinem eigenen Abbild. Während Platons Höhlenbewohner die Schatten für die Wirklichkeit halten, betreten wir heute die Höhle, um selbst Bilder zu erzeugen. Und vielleicht stellt sich dabei dieselbe alte Frage: Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Bild von uns selbst betrachten? Auch die typisch Berliner pinkfarbenen Rohre, die seit den 1990er-Jahren das Stadtbild prägen, schlängeln sich durch das Gemälde. Sie dienen eigentlich dazu, Grundwasser von Baustellen abzuleiten. Ihre auffällige Farbgebung geht auf eine bewusste Entscheidung des Unternehmens Pollems aus dem Jahr 1992 zurück. Was ursprünglich als vorübergehende technische Einrichtung gedacht war, ist längst zu einem unverwechselbaren Symbol Berlins geworden, einer Stadt, die sich offenbar im Zustand einer ewigen Baustelle befindet. Die Plattenbauten, die weit im Hintergrund des Gemäldes auftauchen, beziehen sich dagegen weniger auf die Berliner Stadtlandschaft als auf persönliche Kindheitserinnerungen des Künstlers. Sie erinnern an eine kleine Stadt in Sibirien, die kaum älter war als er selbst. Von den Fenstern eines solchen Hauses aus blickte er über die weite sibirische Steppe, scheinbar Tausende Kilometer bis zum Horizont. Trotz der gewaltigen Weite und der kargen Landschaft blieb dieser Ort in seiner Erinnerung erstaunlich gemütlich und vertraut.
- Digitaldruck
- DIN A4 · DIN A3
- Werk-ID
- AW_54
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