Arbeitsräume · Berlin
RAW-Gelände
2012–2026
Nach der Schließung des Kunsthauses Tacheles suchte ich ein neues Atelier. Auf dem RAW-Gelände fand ich einen 25 Quadratmeter großen Raum im ehemaligen Verwaltungsgebäude, kurz VWG. Das gelbe Backsteingebäude heißt heute Haus 4. Das RAW entstand 1867 als „Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“ und wurde 1918 zum Reichsbahnausbesserungswerk. Nach der Stilllegung in den 1990er-Jahren entwickelte sich das über 70.000 Quadratmeter große Areal zu einem Ort für Kunst, Clubs, Sport, Gastronomie und soziale Projekte.
Als ich 2012 hierherkam, prägten Müll, Drogenhandel und Kriminalität das Gelände. Tagsüber wirkte es verlassen, nachts strömten Tausende Menschen durch die Clubs und Hallen. Die Gebäude waren in schlechtem Zustand, und die Heizung funktionierte nicht. Im Winter beheizte ich mein Atelier mit einem Gasheizstrahler.
Dennoch hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Atelier ganz für mich allein und einen Vertrag auf meinen eigenen Namen beim R.A.W .tempel e. V . Für große Formate war der Raum weiterhin ungeeignet. Deshalb setzte ich meine Collagen und Siebdruckarbeiten fort, um darin meine bewegte Zeit im Tacheles zu verarbeiten.
Das RAW faszinierte mich. Es vereinte alles, was ein Künstler braucht: kreative Nachbarn, darunter auch einige echte Freaks, Großstadt und Natur, Industrie und Privatheit, Baustellen, Clubs, Ateliers und stille Orte. Mitten in der Metropole konnte es beinahe ländlich wirken.
Ab 2015 begann eine zweite Phase. Ein neuer Eigentümer sanierte Teile der Gebäude und verbesserte die Bedingungen für die Kultur. Aus dem Partyareal entwickelte sich zunehmend eine Kulturstadt. Ausstellungen, Märkte, Sport, Gastronomie und soziale Projekte prägten nun auch den Tag. Trotz des politischen Chaos und der ständigen Diskussionen über die Zukunft dominierten Vielfalt und eine positive Entwicklung.
Auch meine Arbeit veränderte sich. Ich zog zunächst ins Dachgeschoss und später in zwei Räume im ersten Obergeschoss, wo ich endlich größere Bilder malen konnte. Von dort blickte ich auf ein Hochhaus und hohe Nadelbäume, auf den Club Astra, den Haubentaucher und den Bahnhof Warschauer Straße.
Das RAW selbst wurde zu einem Thema meiner Kunst. Wie das Gelände verändern sich manche Bilder über Jahre oder Jahrzehnte. Neue Schichten überlagern ältere, Motive verschwinden und tauchen in veränderter Form wieder auf. Manchmal ist die ursprüngliche Bildschicht kaum noch zu erkennen. Die Bilder leben weiter und verändern sich wie Berlin selbst.
Das RAW ist in seiner Größe und mit jährlich Millionen von Besuchern mit der Museumsinsel vergleichbar, doch offener und ständig in Bewegung. Soziokultur, Kunst, Industriegeschichte, Architektur, Natur und Stadtleben greifen hier ineinander und entfalten sich in diesem freien Raum.























